Wer ist Henry Buchanan? (5)

Ich befand mich gerade mitten im Versuch, ein Gespräch mit der Buchhändlerin anzuleiern, als ich bemerkte, dass der Lichtsmog auf der gegenüberliegenden Seite des East River plötzlich wie weg gewischt war. Einfach so. Von etwa halbneun bis zehn Uhr am Abend lagen die Docks im Dunkeln. Ausnahmefehler, wie es später in einer Meldung hiess. Und ich dachte, die Stadt hätte endlich einmal sinnvolle Sparmassnahmen in Erwägung gezogen. Jeder vernünftige Mensch würde nachts schlafen, nicht arbeiten. Ich sage es ja schon immer: Wer nachts arbeitet, hat entweder etwas zu verbergen, oder etwas aufzudecken. Das will nur nie jemand hören.

Miss Crowne hatte sich auf einem ihrer Stühle vor dem Buchladen geaalt, ein Laptop auf ihrem Schoss. Ich liess den Computerausdruck mit den schriftlichen Kommentaren ins Gespräch einfliessen, doch sie reagierte überhaupt nicht darauf. Stattdessen wirkte sie von irgendetwas auf ihrem Laptop abgelenkt. Ich kam an diesem Abend also keinen Schritt weiter. Dabei hätte ich auch wissen wollen, ob sich ‚die Kundin‘, also Miss Salieri, noch einmal bei ihr wegen Somawell geäussert hatte. Ergebnislos zog ich wieder ab.

Ebenso ergebnislos und schleppend verlaufen bisher die Ermittlungen der Polizei im Mordfall von Chinatown. Officer Hax hatte sich Anhaltspunkte vom Obduktionsbericht erhofft. Doch er pfefferte den Bericht nur zähneknirschend auf seinen Schreibtisch: „Da steht eine Menge drin, sagt aber absolut nichts aus.“ Als er, natürlich rein zufällig, für fünf Minuten aus dem Büro musste, und ich mit dem Obduktionsbericht alleine war, warf ich einen Blick auf das Ergebnis. Die Daten brachten tatsächlich nicht viel mehr ein als alles, was bereits vorher bekannt gewesen war. Ein etwa 15-16 Jahre altes Mädchen asiatischer Herkunft, vermutlich koreanisch. Todesursache: Genickbruch. Neu war mir, dass sie bei einer Vergewaltigung entjungfert worden war. Auch wenn dieser Strafbestand bei einem weiblichen Opfer immer befürchtet wird, und es somit – leider – keine wirkliche Überraschung für mich war. Die Identifizierung war immer noch nicht gelungen. Es fehlte der Chip, und die Gebiss- und DNA-Analysen lieferten ebenfalls keine weiteren Spuren. Ausserdem war kein Mädchen als vermisst gemeldet worden, auf das die Resultate des Befunds auch nur ansatzweise zugetroffen hätten.

Ich beschloss, mein Netzwerk an Kontakten weiter auszubauen, und es als nächstes in Chinatown zu versuchen. Mein erster Versuch misslang allerdings. Bei einer Hellseherin flog ich hochkant hinaus, nachdem ich kritisiert hatte, dass die verschiedenen lila Farbtöne von Vorhang, Teppich, Tisch, Stuhlbezug, ihrem Kleid und der Wahrsagerkugel überhaupt nicht harmonierten, ganz zu schweigen von ihrem Lidschatten. Bei meinem zweiten Versuch musste ich also etwas umsichtiger sein, und hatte Erfolg, weil ich mit Mme Zou wegen unserer sehr ähnlichen Stiefel ins Gespräch kommen konnte. Nach einigem Geplänkel kamen wir auf Henry Buchanan zu sprechen, den sie anscheinend kannte. Doch statt Informationen gab sie mir Warnungen. „Wenn dir einer in dieser Stadt damit kommt, dass man dir schöne Bilder ins Hirn spritzen kann, dann nimm die Beine in die Hand und renn. Die einzigen schönen Bilder in deinem Kopf sollten nicht mit einer Kanüle dorthin gelangen.“ Sie bezog sich dabei allerdings auch auf ihre Berufsehre, weil sie unmissverständlich klar machte, dass die einzigen Bilder, die sie wahr werden lässt, dem eigenen Kopfkino und nicht dem Konsum irgendwelcher illegaler Substanzen entspringen.

Ich erklärte ihr, dass ich ihre Einstellung lobenswert finde, aber sowieso nicht für Kopfkino gekommen wäre. Sie schien nicht begeistert, weil sie angeblich wegen mir einen potentiellen Kunden habe unnötig warten lassen. „Dabei hatte ich schon ein Kopfkino, wie hübsch du dich mit deinen Stiefelchen auf meiner Streckbank machen würdest“, klagte sie theatralisch und in einem säuselnden Ton, der alle meine Alarmglocken zum Schrillen brachten. „Nur die Stiefelchen?“ fragte ich entsetzt, und Mme Zou bejahte mit einem verschlagenen Grinsen. Ich sah zu, dass ich das Weite suchte, nicht ohne beim Abschied noch einmal klar zu stellen, dass ich sie zwar gerne wieder einmal besuche, um mit ihr über den neuesten Stiefel-Schrei aus Paris zu fachsimplen, dabei allerdings auf keinen Fall eine Privatvorführung im Kämmerlein in Erwägung ziehe.

Zwei Tage später sass ich erneut bei Somawell Industries zu einem zweiten Interview. Dr. Bieder hatte das Treffen arrangiert, denn mir waren die weiss gekleideten Leute sofort aufgefallen, die sich seit kurzem an der Upper East Side aufhielten. Ich wollte wissen, wer sie waren und was sie wollten. Bevor es zum Interview selbst kam, begegnete ich Miss Salieri, die mir in einem Gespräch unter vier Augen steckte, dass die beiden von der Regierung waren. Ich ahnte also schon, dass ich mich in gefährliche Gewässer vorwagte. Ich sollte mich nicht getäuscht haben!

Die professionelle Abgebrühtheit und die unnahbare Kälte, die Mrs Thompson und Mr Alvarez vom Mental Health Department ausstrahlten, konnte ich förmlich greifen. Ich mache meinen Job wirklich schon lange, und weiss inzwischen, wann es gilt, den Finger direkt auf Wunden zu legen, oder besser das Pferd von hinten aufzuzäumen. Doch diese Unterhaltung verlangte alles von mir ab, was ich je an Gesprächsführungskünsten gelernt hatte, um die Informationen zu bekommen, die ich haben will, ohne mich dabei in Teufels Küche zu bringen. Was mir Mrs Thompson nach und nach enthüllte, liess mir das Blut in den Adern gefrieren und führte mir noch einmal mehr vor Augen, wie hoch der Preis wäre, wenn ich diesen Balanceakt nicht meisterte. Ich ging mit einer brisanten Schlagzeile in der Tasche nach Hause, die auf den ersten Blick so unbedeutend klang, und doch auf den zweiten Blick den Schritt in eine neue Zeit mit einem Paukenschlag ankündigen würde.

Wenn diese Sache schon länger geplant gewesen war, und davon gehe ich aus, dann bin ich mir jetzt sicher, welche Fragen Henry Buchanan gestellt hatte. Und warum er verschwunden ist. Ich kann mir gerade selbst nicht beantworten, ob mir der Buchanan-Fall zu brenzlig wird, oder ob ich die Umstände seines Verschwindens doch noch aufdecken kann und werde. Diese Entscheidung wird alles in Frage stellen, und alles aufs Spiel setzen.

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