Stadtgespräch: Somawell

Ich hatte versucht, irgendwie an die Ergebnisse des Obduktionsberichts heran zu kommen, aber mein Vorhaben gestaltete sich schwierig. Gut, ich gebe zu, ich würde mir selbst auch kaum noch über den Weg trauen. Aber so unter uns gesprochen: wäre ich der Leitende Officer, würde ich lieber dafür sorgen, dass diese penetrante Pressetante mit dem Obduktionsbericht ruhig gestellt wird, als dass sie nach der Nummer mit der Staatsanwältin doch noch irgendwelche Stories über Liebschaften und fantasierte Sexorgien auf dem Revier spinnt! Wie sähe das denn aus, wenn plötzlich die Frage im Raum stünde, ob jemand sein Amt missbrauche, um Ermittlungsergebnisse zu ‚verschönern‘? In der Zwischenzeit hat sich jedoch auch an anderen Stellen endlich etwas getan, so dass ich nicht wirklich die Zeit hätte, mich ausgerechnet jetzt auf diesen wundervollen Skandal zu stürzen. Etwas anderes ist wichtiger! Denn momentanes Stadtgespräch ist Somawell Industries.

2015-1110.1

Neulich traf ich Miss Salieri wieder und plauderte mit ihr bei Kaffee und Cupcakes im Parkcafé. Sie wollte hören, ob ich ihr etwas berichten könne, da sie mich schon einmal gebeten hatte, mehr über Miss Crownes Einstellung zu Somawell Industries heraus zu finden. Aber viel konnte ich dazu nun wirklich nicht sagen. Ich wusste, Miss Crowne stand diesen Testreihen misstrauisch gegenüber. Das war mir persönlich trotzdem noch zu wenig, um mir über ihre generelle Einstellung zu diesem Pharmakonzern eine Meinung zu bilden. Misstrauen gegenüber einem einzelnen Aspekt könnte immer noch früh und schnell genug in Vertrauen umschlagen. Ich wette darauf, die Buchhändlerin auf der Werbeveranstaltung von Somawell anzutreffen. Möglicherweise finde ich dann mehr über ihre Überzeugungen heraus. Was ich im übrigen genauso noch über Miss Salieris sollte.

Wenn ich mir bisher nicht sicher war, welche Motivation Miss Salieri zu all ihren Fragen und bisherigen Andeutungen über Somawell mir gegenüber antrieb, dann wusste ich es spätestens nach unserem Gespräch: Sie war hin und her gerissen zwischen ihrer bisherigen Gesinnung und den Zweifeln, die sich darüber eingestreut hatten, und war auf der Suche nach Antworten. Tatsächlich bohrte ich nicht nach den Details, denn mir genügte im Augenblick das Wissen, dass sie sich erst noch entscheiden musste. Solange wollte ich sie keinesfalls beeinflussen. Denn was nützt mir eine potentielle Informantin, wenn ich sie zu dieser oder jener Meinung nur überreden würde, und sie später schon wieder ins Hadern käme? Ich könnte mir nie sicher sein, ob ich ihren Informationen Glauben schenken darf. Nein, ich brauche ihre volle Überzeugung, wie auch immer diese ausfallen möge.

Sie wollte ausserdem sehr genau wissen, was ich dafür tun würde, um an ‚gewisse‘ Informationen heran zu kommen. Eine konkrete Antwort auf diese Frage schien mir unmöglich. Dafür zog ich zu viele Faktoren in Betracht, wie zum Beispiel: den zu enthüllenden Skandal selbst; welchen weitreichenden Folgen dieser hätte; ob dabei noch weitere vielversprechende Skandalschlagzeilen zu erwarten wären; welches Risiko ich dabei in Kauf nehmen müsste.

2015-1110.2

Ich hatte am selben Tag auch noch ein kurzes Gespräch mit Bankier William D. Rockefeller von der Harira Financial Group geführt. Über ihn erhoffe ich mir eine Kontaktherstellung zu Unternehmern, die ins Profil meiner angestrebten Serie passen, und die eine gewisse Exklusivität besitzen. Also Unternehmer, an die man sonst nicht so leicht heran kommt, weil sie öffentlichkeitsscheu sind. Dafür brauche ich eine Vermittlerperson, die das Vertrauen der eventuellen Interviewpartner bereits besitzt. Denn was ich dafür überhaupt nicht gebrauchen kann, sind Unternehmer, die ‚Presse‘ hören, und mir direkt die Türe vor der Nase zuschlagen. Bankier Rockefeller erschien mir als Ansprechpartner für mein Ansinnen daher ideal. Auch wenn ich nicht sicher sein kann, ihm so weit vertrauen zu können, mich tatsächlich an die richtigen Adressen zu vermitteln und nicht schon Schlechtwetter im Voraus zu machen. Das Risiko ist es dennoch wert. Ich habe versucht, ihm mein Anliegen dem Zeitgeist gemäss attraktiv zu verkaufen: Erfolgreiche Unternehmer, die sich ihre Errungenschaften hart erkämpft haben, die die Freuden des Konsums zu schätzen wissen, und die vielleicht sogar bereit wären, einen Teil ihres Vermögens in soziale Projekte zu investieren. Zum Beispiel in die Medizinforschung, um auch den letzten Krankheiten unserer Zivilisation Herr zu werden.

Ich hoffe wirklich, er hat Blut geleckt und wird mich zweckdienlich unterstützen. Zumindest konnte ich ihn so weit für mich gewinnen, dass er Interesse daran anmeldete, über mich nennenswerte Pressemeldungen geplanter Unternehmensschritte veröffentlichen lassen zu wollen. Natürlich nur über Unternehmen, deren Geschäftsführer er ist. Mit seiner letzten Frage kurz vor dem Abschied sorgte er noch für eine kleine Überraschung für mich: „Mich würde interessieren, wie Sie persönlich zu Somawell stehen? Ich führe in letzter Zeit diverse Unterhaltungen über das Unternehmen. Und höre unterschiedliche Meinungen dazu.“ – Egal, wer nun welche Meinung zu Somawell hat: das Thema ist Stadtgespräch in allen Schichten! Ich muss unbedingt mehr über all das heraus finden. Es kann unmöglich angehen, dass ganz New York City über Somawell spricht, und ich dazu keinen einzigen Artikel im Portfolio habe!

2015-1110.3

Der Mittwoch Abend wird sicherlich ein aufschlussreicher Tag werden können. Somawell Industries wirbt seit einigen Tagen unerlässlich auf sämtlichen Werbekanälen, und schickt sogar die Angestellten auf die Strasse, um sie ReLaX-Getränkeflaschen als kostenlose Probe verteilen zu lassen. Ich zählte mir aus den Flaschen an ihrem Werbestand eine in neonpinker Farbe aus. Ob ich je von diesem ReLaX-Drink probieren werde, weiss ich nicht. Ich bin immerhin nicht mehr das jüngste Gestell, und habe schon vor Jahren meine Trinkgewohnheiten auf alles umgestellt, was eine klare Farbe besitzt. Also Wasser und Wodka. Nur bei Kaffee mache ich eine Ausnahme. Ausserdem fürchte ich mich vor dem hohen Zuckergehalt, den Miss Crowne einmal abschätzig erwähnte. Am selben Abend hatte ich im Internet noch Recherche betrieben, und bin nur absolut rein zufällig auf eine Seite mit dem Stichwort ‚Zuckerschock‘ gestossen. Was ich da alles gelesen habe! Was, wenn ich mich mit diesem ReLaX-Drink direkt ins Koma katapultieren würde? Entsetzliche Vorstellung! Ganz sicher werde ich bei dieser Werbeveranstaltung nach der genauen Zusammensetzung fragen.

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s