Ärger im Revier

„Was in Drei-Teufels-Namen hat Sie da geritten?!“ schallte mir die erboste Begrüssung des leitenden Officers Hax entgegen, als ich sein Büro auf dem Polizeirevier betrat. Ich hatte schon nach seinem knapp gehaltenen Anruf geahnt, dass er auf mich wegen meines Artikels nicht gut zu sprechen war, und das Gespräch eine Standpauke werden würde. „Haben Sie die geringste Ahnung, was Sie mit Ihrem verdammten Serienmörder-Quatsch da angerichtet haben? So ziemlich jeder, der hier in der Stadt was zu sagen hat, ging mir heute auf meine Eier! Wie kommen Sie dazu, so eine Scheisse zu schreiben?“ Zuvor hatte er noch klar gemacht, dass er während des Gesprächs nicht gestört werden will, weil das eine Angelegenheit wäre, die nur ihn und die tollkühne Tipperin etwas anginge. Tollkühne Tipperin! Wenn der Inhalt nicht wäre, hätte ich ihm für diese gelungene Boulevardpresse-Alliteration gebührenden Respekt zollen müssen.

Nun wäre es aber nicht das erste Mal gewesen, dass irgendwem meine Artikel nicht geschmeckt hätten. Also stellte ich mich doof, riss die Augen auf, setzte die Handfläche mit gespreizten Fingern über mein Dekolleté und fragte zwischen gespieltem Entsetzen und Empörung zurück: „Moi?! Ich habe doch gefragt, ob es einen Serienmörder gibt. Das ist doch nicht meine Schuld, wenn Sie darauf nur mit einer Floskel antworten.“ Officer Hax hielt es nicht mehr auf seinem Stuhl, er sprang auf und hüpfte wie ein Duracell-Häschen vom einen Bein aufs andere: „Sie werden weder eine Floskel zu hören bekommen, geschweige denn jemals wieder einen Tatort betreten! Wie kamen Sie überhaupt darauf, dass Sie da einfach runter marschieren und sich in dienstliche Angelegenheiten mischen?“ Ich meinte, einen Ansatz Schaum vor seinem Mund auszumachen, als er weiter zeterte: „So viel steht mal fest: Die ganze Stadt ist in Aufruhr, nur weil Sie meinten, aus einer Floskel eine Aussage machen zu können!“

Ich versuchte, ihn zu beruhigen und setzte dafür meinen ganzen Charme ein. „Officer“, säuselte ich in einem Singsang, als ob ich ein brüllendes Baby einschläfern wollte, „ich verstehe diese ganze Aufregung überhaupt nicht. Sie müssen das auch mal aus einem anderen Blickwinkel sehen.“ Ich beugte mich auf meinem Stuhl etwas vor und setzte einen verschwörerischen Tonfall an: „Wenn es nun doch kein Serienmörder ist, dann wird sich der wahre Mörder jetzt völlig sicher fühlen, verstehen Sie? Er wird leichtsinnig werden. Und sobald er einen Fehler macht, zack, schnappen Sie sich ihn!“ Dann lehnte ich mich wieder zurück und plauderte gönnerhaft: „Das hätten Sie dann alles mir zu verdanken. Und seien wir doch mal ehrlich, wer glaubt schon jedes Wort, das in der Zeitung steht? Das tue ja nicht einmal ich. Also alles halb so tragisch.“ Überzeugt hatte ich ihn damit allerdings nicht.

„Hören Sie auf, einem alten Kutscher das Knallen beibringen zu wollen!“ brauste er auf. „Wenn ich einen Mörder in Sicherheit wiegen will, mache ich das auf meine Weise! Verdammt, dazu brauche ich nicht Sie! Wie sinnbefreit sind Sie überhaupt, mir mit solchen Antworten zu kommen?! Ich fasse es nicht!“ Um seiner Wut Ausdruck zu verleihen, kickte er den Mülleimer quer durch den Raum und schimpfte weiter: „Jeder Hirntrottel rief mich an und wollte eine Stellungnahme von mir! Fehlt mir nur noch, dass sich hier eine Bürgerwehr aufmacht und die Sache in die Hand nimmt! Serienmörder! Nichts fixt die Leute mehr an als ein Serienmörder, verdammte Scheisse nochmal!“ Der Mülleimer flog ein zweites Mal.

„Ja, Sie müssen mir das Knallen aber auch nicht beibringen!“ schoss ich zurück. Als ob ich nicht wüsste, wie man die Leser dazu bringt, einen Vorfall Stadtgespräch werden zu lassen! „Haben Sie etwa gedacht, ich weiss nicht, dass die Leute das Stichwort Serienmörder anfixt? Deswegen habe ich es doch überhaupt erst geschrieben!“ Hoppla. Da war ich in der Hitze des Gefechts zu deutlich geworden. Aber zu spät. Ich versuchte, die Sache schnell auf die Lösung unserer kleinen Unstimmigkeit zu lenken: „Das kann man schon wieder bereinigen. Schliesslich gibt es so etwas wie Richtigstellungen. Dabei könnten Sie mir ja behilflich sein“, setzte ich noch aufmunternd dazu. „Mit den richtigen Detailinformationen.“ Officer Hax tobte!

„Sie geben es auch noch zu?!“ schrie er mich zornig an. Ich glaube, das gesamte Revier hörte inzwischen mit. Unfreiwillig. Er selbst war für kurze Zeit sprachlos und konnte nur noch den Kopf schütteln. „Ich fasse es nicht! Sie sind an Dreistigkeit nicht mehr zu übertreffen! Richtigstellung?! Ich gebe Ihnen gleich eine Stellung!“, spie er aus und verhaspelte sich vor Wut mit den Wörtern: „Ich stecke Ihnen was ins Loch! – Ich meinte, ich stecke Sie ins Loch!“, schrie er korrigierenderweise hinterher. „Verhungern können Sie da die nächsten Tage, wenn sie so weitermachen! Ihre Story können sie sich dann an den Nagel hängen! Behinderung der Behörden! Verschleierung! Was auch immer! Ich werde schon was finden, um Ihr Verschwinden zu begründen, und wenn ich dazu Ihren verdammten Chip manipuliere!“ Der Mülleimer flog ein drittes Mal, und dieses Mal zersprang er in alle Einzelteile. „Was glauben Sie denn, wie weit ich käme, wenn ich nicht wenigstens ein bisschen dreist wäre?“, bellte ich zurück. Und dann liess ich mich von seiner Toberei anstecken: „Überhaupt, das einzige, was hier irgendwer in irgendeinem Loch stecken hat, das ist der Stock in Ihrem Arsch!“

„Sehen Sie bloss zu, dass Sie Land gewinnen, bevor ich es mir anders überlege! Geschissen auf den Deal, den können Sie mal schön vergessen! Vorher lasse ich mir von der Staatsanwältin und der Leichenfledderin zusammen einen blasen!“, übertönte er mich fuchsteufelswild. Er war so ausser sich, dass ich seinem Rat auch umgehend Folge geleistet hätte, wenn er nicht den letzten Satz gebracht hätte. Damit hatte er mich provoziert! Jetzt wollte ich es aus ihm heraus kitzeln, welche Skandale im Revier vonstatten gingen. Denn immerhin hatte ich erst ein oder zwei Tage zuvor erlebt, wie ihm die Staatsanwältin mitten in der dienstlichen Unterredung mit mir einen Kuss auf die Lippen zwängte, der von ihm so wohl nicht erwünscht gewesen war. Das war also mein Stichwort. Ich sprang auf und vergass den letzten Rest Umsicht, haute mit der Faust auf den Tisch und polterte: „Ja, das war mir schon klar, dass Sie mit denen allen unter einer Decke stecken! Ja, genauso, wie ich’s gesagt habe, unter einer Decke, verstehen Sie, was ich meine? Verstehen Sie?! Dann steht eben in meinem nächsten Artikel was von Korruption und Vetternwirtschaft und – nein, Cousinenliebeleien drin, jawohl! Das Wort lass ich mir von Ihnen so schnell nicht verbieten, da hab ich es schon mit ganz anderen aufgenommen!“

Plötzlich wurde er ruhig. Sehr ruhig. „Ich wäre an Ihrer Stelle verdammt vorsichtig die nächste Zeit. Verdammt vorsichtig!“ Ich war mir sicher, jetzt hatte ich ihn da, wo ich ihn haben wollte. Wenn die Staatsanwältin nicht gemeint hätte, sie müsste genau in diesem Moment ins Zimmer platzen und mir meine ganzen Mühen auf einen Schlag zunichte machen. Ich schrie innerlich. „Ich setze gleich eine Anzeige und einen Haftbefehl noch dazu aus, wenn ich so eine Androhung auch nur einmal noch höre – und sei es ansatzweise! Haben wir uns verstanden, Miss?!“ gab sie mir zu verstehen. Sie hatte wohl aber nicht damit gerechnet, dass ihre Schützenhilfe von Officer Hax abgestraft werden würde. „Was war an ‚Wir sprechen uns später‘ nicht zu verstehen, verdammt?“, brüllte er ihr entgegen, und schmiss sie hochkant wieder hinaus.

Da hatte ich den Salat. Die Luft war nun irgendwie raus. Officer Hax zündete sich eine Zigarette an, und ich schnorrte mir eine bei ihm. Ich setzte mich mit einer Pobacke und einem leicht angezogenen Bein auf seinen Schreibtisch. Auf diese penetrante Art, wie sich ein Chef bei seiner Sekretärin zur nervtötenden Pestbeule deklariert. „Also, nochmal von vorne. Sie finden den Teil mit dem Serienmörder scheisse, ich fand ihn gut. Wie lösen wir das jetzt?“ fragte ich Officer Hax zwischen ein paar Paffern. Er schien perplex, aber das sollte mir Recht sein. Ich musste Oberhand gewinnen. „Was weiss ich. Sie stimmen Ihre Veröffentlichungen vorher mit mir ab. Sollte nochmal irgendso eine Scheisse passieren, sollten Sie schon einmal einen Nachruf formulieren.“ Ich pustete kleine Rauchringe in die Luft und dachte nach. „Wie soll das gehen? Abstimmen? Ich meine, ich kann doch nicht jedes Mal um kurz vor Mitternacht bei Ihnen anklingeln, nur damit Sie mir kurz das gnädige ‚Go‘ geben, so dass ich meinen Job machen kann. Also, mein Vorschlag wäre: Der Deal bleibt, aber Sie geben mir in Zukunft einfach gleich die detaillierten Infos, die ich verwenden kann. Und dann unterläuft mir so ein kleiner Fauxpas auch nicht noch einmal. Wie wäre es damit?“

Eine Antwort auf diese Frage blieb er mir noch schuldig. Aber immerhin war sein Ärger über mich vorerst verpufft, als ich das Revier verliess. Ohne, dass ich bisher ernsthaft zurück stecken musste. Und genau das hatte ich ja erreichen wollen. Vielleicht würde sich das noch irgendwann rächen. Aber im Moment hatte ich diese Klippe erfolgreich umschiffen können. Grinsend machte ich mich auf den Weg in das wieder eröffnete Restaurant „A Corleone“, auf der Suche nach einer neuen Schlagzeile.

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