Wer ist Henry Buchanan? (3)

In den letzten Tagen kamen neben den von mir gezielt gesuchten Kontakten noch einige zufällige Begegnungen dazu, aus denen ich Kapital schlagen könnte, was meine weiteren Recherchen zu Buchanan betrifft. Allerdings ist mir inzwischen genauso klar, dass ich keine schnelle Antworten erwarten kann. Dazu sind die Zusammenhänge zu komplex, um an die Informationen zu kommen, die ich haben will. Ich muss einige Umwege gehen. Und vor allem Geduld mitbringen. Sehr viel Geduld! Das fiel mir insbesondere bei Hana Crowne, der Buchhändlerin, auf. Sie wirkt unglaublich zurückhaltend. Ich kann es ihr aber auch nicht verdenken, zwar höflich professionell, aber dennoch distanziert zu bleiben. Vermutlich bekommt sie jeden Tag Druck von den Finanzhaien, die ihr ihr kleines Paradies zwischen den Wolkenkratzerkluften mit allen möglichen und unmöglichen Mitteln abluchsen wollen. Ob dem so ist, weiss ich natürlich nicht. Aber man muss sich ja nur einmal in die Köpfe der Geschäftsleute hinein versetzen. Sicher passt dieses alte Haus nicht in deren Bild von akkurat aneinander gereihten, hochmodernen Glaspalästen. Wäre ich Hotel- oder Bankenchef, kämen mir auf Anhieb mehrere Optionen in den Sinn: Subway Station, Lieferzone oder Parkhaus. Alles hätte seine Vor- und Nachteile.

Subway Station: Direkte Anbindung vor die Türen des Hotels und der Bank. Geschäftspartner haben es bequem; sie fallen aus der Subway mehr oder minder direkt in einen der Aufzüge der beiden Gebäude. Wermutstropfen: unerwünschter Durchgangsverkehr der Otto Normalverbraucher.

Lieferzone: Kein unnötiger Umweg ums Eck, direkte Zulieferung, just-in-time wieder auf der Strasse. Kostenersparnis. Nachteil: Vermutlich Geruchs- und Lärmbelästigung, und sicherlich eine attraktivere Option für das Hotel als für die Bank.

Parkhaus: Lockt die Geschäftskunden an, auf die man es abgesehen hat. Ein Parkhaus wäre wahrscheinlich nicht immer voll ausgelastet, denn wie viele können sich heute noch bei den teuren Ölpreisen ein Fahrzeug leisten? Und vor allem, wie lange noch? Dazu müsste die Entwicklung von damals, auf Elektronische Fahrzeuge umzusteigen, endlich wieder Fortschritte zeigen. Als Statussymbol wäre ein Parkhaus vermutlich trotzdem das Prestigeobjekt mit der höchsten Aussagekraft.


Heute hatte ich es endlich geschafft, einen nächsten Abstecher zu Books & Prints zu machen. Hana hatte versprochen, Recherchematerial über Guy Fawkes für mich zu besorgen, und sie hatte Wort gehalten. Ein Buch und diverse Zeitschriften lagen für mich bereit. Weil es sich um special interest handelte, machte sie mir deutlich, dass sie mich zwar nicht drängen würde, aber dennoch erwartete, dass ich ihr das Material abkaufte. „Ich werde das sonst nie wieder los!“, erklärte sie, und hatte damit vermutlich Recht. 45 Dollar kostete mich der Spass. Das würde sicherlich bei einem meiner nächsten Aufträge für die Medienmogule als Sonderposten ‚Zusätzliche Materialaufwendungen‘ in der Rechnung auftauchen, scherzte ich.

Das war auch das Stichwort für Hana, mich näher nach meiner täglichen Arbeit zu befragen. Oder wollte sie mich eher aushorchen? Zumindest hatte ich das Gefühl, dass sie genauer wissen wollte, wer ich war, und wie sie mich einzuschätzen hatte. Diesen Gefallen tat ich ihr gern, denn ich werde sie vielleicht noch brauchen. Die handschriftlichen Kommentare, die auf dem zweiten Computerausdruck mit Buchanans Text vermerkt waren, könnten ihre sein. Wenn dem so wäre, wäre sie eine potentiell wichtige Informationsquelle für mich. Dafür muss ich unbedingt ihr Vertrauen gewinnen. Aber eine Visitenkarte allein ist nicht Hinweis genug, dass die Bemerkungen aus ihrer Feder stammen. Und ihre Handschrift kenne ich bisher ebenso wenig, um die Schriftbilder vergleichen zu können. Es fiel mir wirklich schwer, entgegen meiner Natur nicht umgehend mit der Türe ins Haus zu fallen. Aber ich bin überzeugt, in diesem Fall wird sich meine Geduld auszahlen. Hoffe ich.

„Was halten Sie von Somawell Industries?“ Ihre Frage schien wie aus dem Nichts zu kommen. Ich war überrascht, und hätte fast eine der Zeitschriften zu Boden segeln lassen. „Das kann ich noch nicht sagen. Ich hatte mit dieser Firma bisher keinen Kontakt. Ausser werbetechnischer Natur.“ Das überdimensionale Plakat, das für den ReLaX Drink aus dem Hause Somawell warb, tanzte vor meinem inneren Auge. Allein der aufdringliche Farbton der zuckerhaltigen Flüssigkeit trieb mir regelmässig die Tränen in die Augen. „Heute Mittag war eine Kundin im Laden, der man Geld für Testreihen angeboten hat. Ich fand es schwierig, ihr dazu etwas zu sagen. Ich kenne nur grob das Verfahren, mit dem bei MPT gearbeitet wird.“ War ich bei ihr gerade auf dem Prüfstand? Ich versuchte zunächst, mich zurück zu halten, und belanglos zu klingen. „Eine Testreihe? Nichts ungewöhnliches für einen Pharmakonzern. MPT kenne ich bisher auch nur wegen eines kleinen Artikels“, und ergänzte aus einem Bauchgefühl heraus nach einigen Sekunden, „Zugegebenermassen eines Artikels, der mich überhaupt erst nach New York City gebracht hatte.“

Hana sprach zögerlich, auch wenn ihre Worte deutlich waren: „Ich finde es bedenklich, wenn verwirrt wirkende Menschen in psychischen Schräglagen für Testreihen bezahlt werden. Ich meine, wer eine Testreihe für einen Kopfschmerztablette absolviert, der hat bei vollem Verstand einen Vertrag unterschrieben. Wie ist das eigentlich bei Psychopharmaka wie Somawell?“ Auf diese Frage konnte ich ihr keine Antwort mehr geben, denn unser Gespräch wurde unterbrochen. Ich hatte das Gefühl, es wäre zu heikel, die Unterhaltung vor der neu eingetretenen Kundin fortzusetzen. Nicht der Kundin wegen, sondern weil man ein Gegenüber unter vier Augen viel besser auf Herz und Nieren prüfen kann. Und ich wurde den Eindruck nicht los, dass Hana genau das bei mir versucht hatte.

Nachdem die Dame den Buchladen wieder verlassen hatte, bezahlte ich mit meinem Fingerabdruck die neu erworbenen Werke und schickte mich an, zu gehen. „Sagen Sie, Somawell, wenn Sie das interessiert, könnte ich mich bei Ihnen melden, falls diese besagte Kundin noch einmal aufkreuzt?“ Ich lächelte und nickte. Miss Crowne konnte natürlich unmöglich wissen, dass ich zuvor von besagter Kundin ebenfalls angesprochen worden war. Mit der Bitte, heraus zu finden, was Miss Crowne von Somawell Industries hält. Allerdings bin ich mir bei Miss Salieri noch nicht sicher, was ihre Absichten sind, und auf welcher Seite des Systems sie steht. Oder ob sie sich einfach wie ein Fähnchen im Wind gerade so mitdreht, wie es für sie vorteilhafter ist. Nicht, dass ich darauf Wert legen würde, der einen oder anderen Ansicht den absoluten Vorzug zu geben. Aber ich beginne, bei meinem Vorgehen, mehr über Buchanan und die Umstände seines Verschwindens heraus zu finden, mit dem Feuer zu spielen. Und deshalb muss ich sowohl bei Miss Crowne als auch bei Miss Salieri wissen, woran ich bin.

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