Wer ist Henry Buchanan? (2)

Es hatte eine gute Weile gedauert, bis es mir wieder einfiel. Buchanan. Woher kannte ich diesen Namen? Als ich gerade auf der Toilette sass und nebenbei das Kleingedruckte auf dem Aufkleber einer Putzmittelflasche studierte, fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Der Grosse Gatsby! Ein schon ein Jahrhundert alter Roman und zudem ein Klassiker, der längst aus dem Bewusstsein des Durchschnittsbürgers verschwunden war.

Als ich noch jung war, hatte dieser Roman zur Pflichtlektüre im Schulunterricht gehört. Doch diese Zeiten waren längst vorbei. Bücher waren über die Jahre hinweg rasch von Computern, Tablets und Smartphones abgelöst worden, auch bei den lernenden Kindern. Digitalisierung hatte nicht bedeutet, dass man auch alle klassischen Werke digitalisiert hätte. Und wenn doch, so war deren Verbreitung inzwischen eingeschränkt. Wurde gesteuert von den grossen Medienkonzernen. Leichte Kost liess sich eben viel besser verkaufen, und noch viel besser mit nativer Werbung. Ich weiss, wovon ich spreche. Ich muss schliesslich auch meine Brötchen verdienen.

War es ein Zufall, dass sich in diesem Umschlag auch eine dieser altmodisch gewordenen Visitenkarten von einer gewissen Hana Crowne befunden hatte, die einen kleinen aber feinen Buchladen inmitten der Wolkenkratzer der Upper East Side führt? Das Gebäude wirkt wie ein Mahnmal aus vergangenen Zeiten inmitten der verglasten Neubauten unseres digitalen Zeitalters: Medienzentrum, Pharmakonzern, Luxushotel, Financial Tower, Shopping Mall. Sie alle konnten dieses seit drei Generationen geführte Familienunternehmen bisher nicht aus den Fugen heben. Verrückt! Als ich Books & Prints betreten habe, schwappte mir sofort dieser typische von Papier und Leim geschwängerte Geruch entgegen. Ich bildete mir ein, dass mir kleine Bücherwürmer aus den knarzenden Holzdielen entgegen winken würden.

2015-1104.1

Miss Crowne wirkte entzückt, als ich mein Interesse an den alten Schinken bekundete und ihr meine kleine Liste aufzählte, welche Bücher ich lesen wollte: Homo Faber, Hamlet, Der Grosse Gatsby, und diverse Fachbücher zu den Themenbereichen Psychologie und Medizin. Eigentlich interessierten mich nur die drei letzten meiner Liste, aber ich wollte auf Nummer Sicher gehen, nicht zu offensichtlich zu recherchieren. Es stellte sich heraus, dass Der Grosse Gatsby schon lange Crownes Lieblingsbuch war und sie nicht nur vier unterschiedliche Ausgaben, sondern sogar die amerikanische Erstausgabe zur Verfügung hatte.

Sie stimmte zu, dass ich jederzeit vorbei kommen dürfe, um in dieser Erstausgabe zu schmökern. Erwerben wollte ich dieses Sammlerstück nicht, ich könnte es mir auch gar nicht leisten! Aber die Gelegenheit, mir bestimmte Stellen noch einmal genau ansehen zu können, konnte ich mir unmöglich entgehen lassen. Ich erinnerte mich beim Lesen wieder an meine damalige Lehrerin, und was sie uns über die Inhalte des Buches und dessen Interpretation erzählt hatte. Dann durchfuhr mich plötzlich einer meiner verquerten Geistesblitze, den ich noch nicht erklären konnte. Aber mir fiel ein, dass ich mir unbedingt Literatur über Guy Fawkes zu Gemüte führen sollte. Als ich Hana Crowne danach fragte, meinte sie zu meinem Erstaunen, dass ich sie damit auf eine Idee gebracht habe, die sie heute sicher noch beschäftigen würde. Was sie damit wohl meinte?

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